Mittwoch, Oktober 05, 2005

Venedig und die Kunst

Venedig Biennale



Ein kurzer Abriss – Nachgehen!

Es gab viel zu verpassen. Und tatsächlich machten die Menschen von dieser Chance ordentlich Gebrauch. Das, was im russischen Pavillon Programm genannt, war vielerorts Prinzip. Es dauerte ihnen gar zu lang, das Harren auf den Anfang und das Ende der Videovorführungen, den Einlass und das Gespräch mit den falschen Aufpassern. Was schrieen die noch so künstlich aufgesetzt? „Oh! This is so contemporary!“ (Tino Sehgal)
Aber, was, wenn man das nicht versteht? Und wenn man das nicht versteht, wie ist es erst in all den anderen Vorführungen? Da stolpern sie über die Sprache, die Weitgereisten, Besucher. Sie wissen nicht, wie ihnen zumute ist. Mulmig nämlich. „Was wollen die Aufpasser von uns?“ Ja, eigentlich ein Gespräch, aber dem gehe ich einfach aus dem Weg. Mit einem Lächeln: auf den Lippen und: über die tanzenden Marionetten zeitgenössischer Kunst.
„Da ist uns die Reise zum Mond schon angenehmer.“, sagen die Märchenfreunde. Das verstehen sie nämlich, den zauberhaften Film und die Musik dazu. „Und was ist mit Kolumbien?“, denke ich. Da singen Überlebende ihre eigenen Lieder. Das macht die Zuschauer betroffen und sie sagen danach: „Genial.“ Was daran? Der Effekt? Den haben wir uns selbst zuzuschreiben. Die Lieder? Nun, das ist Musik, die in anderem Kontext keiner hören will. Die Gesichter? Nein. Der Film. Die Vorführung und wir in dem Raum der Vorführung, im Kontext der Vorführung, der Ausstellung. Die Kunst. Der Künstler, der die Gesichter gefilmt, die Lieder aufgenommen und die ahnungslosen Videojunkies damit verführt hat. Deswegen staunen sie - aber nicht über die Einzelschicksale. Sie sind auch nur solange betroffen, wie sie diese Nachrichten aus Kolumbien sehen. Dann gehen sie weiter. Sie kennen nicht den Unterschied zwischen Kulturschaffenden und Kunstindustrie. Sie wissen noch nicht, wer sie sind, die Wandelnden. Und sie waren noch nicht in der Türkei.
Dasselbe in Uruguay. Dort bleiben sie einfach nicht auf dem Teppich! Sie betreten ihn nicht einmal! Und falls doch, dann war es ein Versehen, und sie schämen sich ein wenig, vielleicht auf die Träume anderer getreten zu sein. Sie suchen in der Höhe und würden doch am Boden fündig werden! So fliehen sie unbelehrt weiter. Och, aber das macht nichts. Fast gar nichts. Sie schauen lieber den Stoffgestalten zu, wie sie in die Höhe geschossen werden und erschrecken sich einmal und erwarten das andere Mal den Schrecken der Nächsten. Sie sind wie die kleinen Männer. Machen immer wieder dasselbe, die Zuschauer. Vor dem einen Bild bleiben sie stehen, sagen: „Oh!“, an dem anderen gehen sie vorüber. Einmal bleiben sie eine Weile gefangen, ein weiteres Mal fliehen sie. Vor Gummikrokodilen. Nur, wer nicht richtig hinschaut, hat Angst vor Gummikrokodilen – und wer sie nicht kennt. Das unbekannte Gummikrokodil – es holt sie alle! Da freut sich der Wilde in seinem Grabe.
Denken sie auch manchmal über ihre Geschichte nach, diese Flüchtlinge? Über ihre Identität? Das sollten sie nach der Schweiz tun. Wer aus der Schweiz kommt und nicht ungeduldig geflohen ist, der muss darüber nachdenken. Nein, muss nicht. Nur wer will.
Lucy Duarte, macht Kunst die von Armut kommt. Wer kann das noch sagen: Meine Kunst kommt von Armut. Meine Kunst kommt von Leid. Viele sagen: „Ich brauche Mittel, um Kunst zu machen. Geld, um diese Mittel zu kaufen.“ Sie haben Recht. Die Kunst, die sie machen wollen, kommt nicht von Armut. Sie kommt vom Kapital. Das ist mehr als nur Armut.
Das schnattern auch die Mandarinenenten und fragen etwas später: „Was machen Sie eigentlich mit ihrer sexuellen Energie?“ Die Ungeduldigen scheinen sie in Fluchtgeschwindigkeit zu investieren. Sie haben vielleicht noch nicht verstanden. Kunst sei Interaktion. Aber wer die Sprache nicht spricht, steht oft stumm daneben. Stumm und ungebraucht. Und dann gehen sie. Was macht die Kunst, wenn sie keine Gesprächspartner mehr findet? Sie wird einsam. Aber das ist für sie nicht ganz so schlimm – es ist der Künstler der daran leidet.
Die anderen verpassen.Zum Trost gibt es Kaffee kostenlos. Das ist nur Werbung, aber sie mögen es alle. Und so, am Ende, vielleicht von dauernder Flucht erschöpft, lässt sich sagen: „Ho, it’s only temporarily contemporary. And thank goodness.” (Alexander-Lars Dallmann)



Ein paar Bildchen


Der russische Pavillon mit dem Titel
"Escape Program - Too Long to Escape"

Eine Dia-Vorführung, auf die man sich einlassen mußte, um beim Verlassen ein Lächeln im Gesicht zu haben.
Eine sympathische Arbeit




Lucy Duarte... (Pavillon Uruguay in Venedig)








Und ein paar Kleinigkeiten, die sie gemacht hat.













"It is not poor art; it comes frome poorness." (Lucy Duarte)





(Alexander-Lars Dallmann)