Mittwoch, Juli 28, 2010

Gitarrenschaltung - Das Hals-Steg-Ding

Drachenstrat mit EMG-Tonabnehmern,
unkonventioneller Verschaltung
und vertauschten Potiknöpfen.

Als ich in der E-Gitarre noch ein feines ST-RAT Set von Rockinger verbaut hatte, waren die Tonabnehmer (passive Single-Coils) konventionell verschaltet. Mittels 5-Weg-Schalter konnte man folgende Tonabnehmerkombinationen wählen:
  1. Hals (neck)
  2. Hals-Mitte (neck-middle)
  3. Mitte (middle)
  4. Mitte-Steg (middle-bridge)
  5. Steg (bridge).
Ein Lautstärkerregler (Volume) für alle Tonabnehmer und ein Höhenregler (Tone), der die Höhen dämpft, für jeweils Hals- und Mitteltonabnehmer.
Der Stegtonabnehmer, der aufgrund seiner Position unter den Saiten andere Obertöne abnimmt und damit allgemein heller "klingt", hat in der Standardschaltung für Strats keinen Höhenregler.

In der Spielpraxis brauchte ich den Höhenregler für den Halstonabnehmer nicht, und so dachte ich mir, tausche ich doch mal Hals- und Stegtonabnehmer in der Verschaltung aus und probier' mal, wie mir das zusagt.


Operation gelungen ...

Nach dem kleinen Löteingriff, bei dem ich lediglich die Anschlüsse von Hals- und Stegtonabnehmer am 5-Weg-Schalter vertauschte, hatte der Stegtonabnehmer nun einen Höhenregler. Außerdem funktionierte mein 5-Weg-Schalter anders. Zeigte der Schalter vormals in Richtung Hals, war der Halstonabnehmer gewählt. Nun erklang der Stegtonabnehmer.

Das störte mich nicht, und dieser kleine Kniff hatte den Vorteil, dass ich den Stegtonabnehmer öfter verwendete und eher geneigt war, damit zu experimentieren, als zuvor.

Nach dem Wechsel zu den aktiven EMG Tonabnehmern behielt ich diese Verschaltung bei. Aus irgendeinem Grund vertauschte ich einmal die Reglerknöpfe. Das änderte nichts an der Funktion der Regler, stiftete aber manchmal Verwirrung, wenn andere meine Gitarre z.B. auf Jamsessions spielten.


croon papillon: Selbstfigur beim Gitarrespielen (ald)
Scan; Bleistift auf Papier

Pling Pling Pluck Pluck

Als E-Gitarrenspieler ist man u.a. bestrebt, Tonformung (Saitenmanipulation durch Greif- und Anschlagtechnik; "Der Ton kommt aus den Fingern.") und Klang (Tonabnehmer, Verschaltung, Effekte, Verstärker, Lautsprecher) zu optimieren. Letztlich ist beides eng miteinander verbunden, weshalb man allgemein vom Sound eines Gitarristen spricht (und dabei die Tonformung ein wenig vernachlässigt, was gut für die Hersteller von Gitarrenequipment ist und schlecht für Gitarrenlehrer). Wer mehr dazu lesen will, dem empfehle ich die folgenden beiden Links: Gitarrenelektronik und Elektrogitarre.
Die Verschaltung spielt eine Rolle, da die einzelnen Tonabnehmer die Saitenschwingung an verschiedenen Positionen abnehmen und entsprechend unterschiedliche Obertöne hervorheben (die Klangfarbe ändert sich).
Gitarren mit zwei Tonabnehmern (z.B. Telecaster) bieten die Möglichkeit, Steg- und Halstonabnehmer zusammenzuschalten, was in der Standardschaltung bei drei Tonabnehmern nicht möglich ist. Da die Kombination aufgrund der Mischung beider Signale wünschenswert sein kann, verschalten manche Gitarristen ihre Gitarren - teilweise sehr aufwändig - neu.


Probieren ist gleich Studieren

Die EMG-Tonabnehmer verfügen über komfortable Steckverbindungen, so dass ein Tausch der Tonabnehmer unkompliziert erfolgt. Mittlerweile hatte ich auch wieder Gefallen an einem Höhenregler für den Halstonabnehmer gefunden und wollte so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Ich tauschte einfach die Steckverbindungen (EMG Quick Connect) von Hals und Mitteltonabnehmer aus. Damit war der Mitteltonabnehmer vom Höhenregler befreit, und die Schaltung sieht nun wie folgt aus:

  1. Steg (bridge)
  2. Steg-Hals (bridge-neck)
  3. Hals (neck)
  4. Hals-Mitte (neck-middle)
  5. Mitte (middle)

Das hat keine fünf Minuten gedauert und eröffnet neue Klangmöglichkeiten.

Warped Pickguard: Zu viel Sonne auf der Bühne ...
und zu heiße Soli ...
Weil der Korpus eine sog. HSH-Fräsung hat,
gab's keinen Halt für die eine Schraube.

Interesse am Basteln?

Wer Fragen zum Verschalten von Tonabnehmer hat, dem empfehle ich zunächst den Workshop-Bereich auf der Rockinger-Seite. Dort finden sich Standardschaltungen und weiterführende Informationen. Wer dann Feuer gefangen hat, kann sich im Rockinger Shop austoben und Teile bestellen.

Montag, Juli 26, 2010

Stell Dich! - Aus meinem Drachenbilderbuch

"Stell Dich!" rief der kleine Ritter dem Drachen zu.
Und der Drache setzte sich auf den Felsen. (ald)
Bleistift und Aquarell auf Papier
(Draufklicken zur Vergrößerung)


Einer meiner Projektzombies, der mich hin und wieder anstubst, ist ein Bilderbuch. Genauer gesagt, sind es die Figuren dieses Bilderbuches, die mir immer wieder vor dem inneren Auge auftauchen und mir ihre Geschichten erzählen. Sie betonen, wie wichtig es sei, dass ich sie endlich illustriere und veröffentliche. Das geht schon seit Jahren so und sie sind nicht die einzigen.

Bisher sind die Figuren auf meiner E-Gitarre, der Drachenstrat, zu finden und in einer Zeichenmappe mit Skizzen, Notizen, Texten, Dialogfetzen und Illustrationen.

Drachenstrat und Illustrationen (ald)
Bleistift und Aquarell auf Papier und Gitarre (Korina Korpus)

Und so wuselt ein kleiner Ritter mit seinem Pferdchen vor mir auf dem Schreibtisch herum und erklimmt die Tastatur, um sich bemerkbar zu machen, gleichwohl er weiß, wie gefährlich die riesigen Hände für ihn und sein Reittier sein können. Hinter mir entfaltet der Drache seine ledrigen Flügel und reckt seinen Hals gähnend zur Zimmerdecke in schläfriger Geduld eines Jahrtausendtiers, das die Hektik schreibender Finger beobachtet wie ein Hund auf dem Sofa seinem staubsaugenden Herrchen oder Frauchen zusieht.

"Das Bilderbuch hätte schon vor Jahren fertig gestellt sein sollen." murmelt der Drache in mein Ohr. Jaja, denk ich. Aber das ist eine lange Geschichte!


Es war einmal vor langer langer Zeit...

Begleitend zu einem zweisemestrigen "Seminar zum Bilderbuch" an der JLU Gießen bei Prof. Dr. Axel von Criegern fertigte ich Zeichnungen, Skizzen, Notizen und allerlei Fragmente zu einem Bilderbuch, das den Namen Ritter&Drache trägt.
Das Seminar erschien insofern interessant, als Axel von Criegern selbst Illustrator ist und entsprechend Erfahrungen sammeln konnte. Zuvor hatte ich an einem Bilderbuch (Die Reise nach Irgendwo - Eine Bärengeschichte) gearbeitet, das mich zu jenem Zeitpunkt schon als Projektzombie verfolgte. Sowohl Handlung als auch Figuren wandelten sich in einem langen Prozess des Sinnens und Schaffens.

Reise nach Irgendwo, Kapitänskajüte
Ein Bär mit Schreibblockade?
Acryl auf Papier
(ald)

Vom Seminar erhoffte ich mir die nötige Struktur und Erkenntnisse über den Arbeitsprozess der Erstellung eines Bilderbuches, dem Verhältnis von Erzähltext und Illustration, sowie Praxis in der Coloration, da mich meine Aquarellarbeiten nicht zufriedenstellten.

Von Rittern, Drachen und Prinzessinnen, die in Türmen gefangen sind.
Bleistift und Aquarell auf Papier (ald)

Die Handlung

Es ist die Geschichte von einem kleinen Ritter, der auszog einen Drachen zu bezwingen, um so einer gefangenen Prinzessin seine Liebe und Tapferkeit zu beweisen. Dummerweise schien es nirgendwo auf der Welt noch Drachen zu geben und anstatt die Prinzessin einfach ohne besiegtem Drachen zu befreien, begann er eine lange Queste nach dem letzten Drachen dieser Welt.

Die Tierkinder mit ihren Puppen.
Bleistift auf Papier. (ald)

Erzählt wird die Geschichte von einem Nilpferd, das zusammen mit ein paar Tierkindern die Geschichte in Form eines Puppenspiels darstellt. Es sind durch Text und Illustration verschiedene Ebenen der Narration verwoben: die eigentliche Geschichte von Ritter und Drache, die gelesene Erzählung des Nilpferds und die Darstellung der Geschichte im Puppentheater.

Ein kleines halbstarkes Nashorn, eine kleine verträumte Giraffe,
ein kleiner Elefant mit Fprachfehler, ein kleines bissiges Krokodil
und eine kleine verpeilte Hyäne.

Bleistift und Aquarell auf Papier. (ald)

Ein weiterer Handlungsstrang ist die Begegnung des Drachen mit seinen Tierfreunden, die ihn auf seiner Reise zum Mond begleiten, da er sich erhofft, dort vielleicht eine Drachenfrau zu finden. Immerhin ist er als letzter Drache dieser Welt ziemlich einsam.


Im weiten Himmel unter der Sonne.
Bleistift und Aquarell auf Papier. (ald)

Das Problem


Ich erlebte u.a. zwei Dämpfer, die mich nachhaltig verunsicherten.
  1. Axel von Criegern bezweifelte, dass das Buch jemals fertig würde, als ich ihm anbot, ein fertiges Exemplar zukommen zu lassen. ;) Das war vielleicht nur ein Witz, oder Lebensweisheit, jedenfalls traf mich das doch nachhaltig stark, zumal ich das Scheitern solcher Projekte leid war.
  2. Auf der Frankfurter Buchmesse (2004) machte mich ein Literaturagent, mit dem ich (Dank gezeichneter Visitenkarte) ein Treffen vereinbaren konnte, darauf aufmerksam, dass es keine Bilderbücher für Jugendliche und Erwachsene, wie meines eins zu werden schien, gebe. Anders gesagt: es würde niemand kaufen. Desweiteren merkte er an, dass es zwar eine Reihe guter Illustratoren und gute Texter gebe, aber eben nicht in einer Person und ich sollte doch überlegen, ob ich nicht bei den Illustrationen bliebe. Ich war etwas empört und erklärte, ich würde ihm Illustrationen und Text zu einem anderen Bilderbuchprojekt (der Reise nach Irgendwo...) in den folgenden Wochen zur Ansicht zukommen lassen.
Ich brauch kaum zu erwähnen, dass ich dem Agenten in meinem Selbstzweifeln nichts habe zukommen lassen und mich dieses ganze Erlebnis doch recht überfordert hatte. Hinzu kam, dass mich ein anderer Agent, der ausschließlich mit Illustrationen zu tun hat, einmal auf die Animationsfilmindustrie verwies und zum anderen aufforderte zur folgenden Kinderbuchmesse in Bolognia zu kommen und meine Arbeiten als Illustrator vorzustellen.
Italien schien mir unerreichbar weit weg, die Fahrt zu teuer, die Reise und die vielen Leute zu unbekannt und überhaupt stand ich ohne Plan da. Ich war durcheinander.

"Warum muf ich immer twei fpielen?" beschwerte sich der kleine Elefant,
der neben dem Elefanten auch den Drachen halten musste.
Bleistift und Aquarell auf Papier (ald)


Formatschwierigkeiten

Ich wählte aus Unkenntnis ein mich ansprechendes aber kniffliges Format irgendwo zwischen A4 und A3. Das bedeutete u.a., dass ich die Illustrationen nicht ganzseitig einscannen konnte. A3 Scanner waren rar und teuer und das Stückeln mittels A4-Scanner war mir zu fummelig.

"Hyäne, Du muft mitfpielen!" ermahnte der kleine Elefant die kleine Hyäne,
die unbeteiligt an ihrem Puppenstock knabberte.
Bleistift und Aquarell auf Papier (ald)

Desweiteren hatte ich weder viel Erfahrung, noch Routine im Umgang mit digitaler Bildbearbeitung. Kein Grafiktablett und keinen brauchbaren Computer. Das war noch zu den (Atari-Clone-)Milan-Zeiten. Ich hatte zwar die beste und freundlichste Textverarbeitung der Welt und konnte auf dem Rechner Hascs spielen, mehr aber auch nicht. Von meiner teuren Enttäuschung mit dem Harddisk-Recording (StarTrak-Karte) will ich jetzt garnicht reden.

Auszug aus dem Storyboard (ald)
Bleistift auf Papier

Was vor mir liegt...

Sollte ich Zeit, Kraft und (nicht nur intrinsische) Motivation finden, um das Projekt weiter und mit einem fertigen Bilderbuch zu Ende zu führen, dann bedeutet das lange harte Arbeit (das habe ich heute schon mehrfach gehört):
  • Das Storyboard muss neu aufgerollt werden.
  • Ich muss weiter üben, die Figuren zu zeichnen und Routine erlangen.
  • Das Format muss eventuell neu gewählt werden, so dass die weiteren Arbeitsschritte dadurch nicht behindert werden.
  • Die Art der Coloration und Weiterbearbeitung muss geklärt werden. Aquarell, Tusche oder digitale Bildbearbeitung?
  • Arbeitsmaterialien (Papier, Tusche, Grafiktablett) müssen gekauft und ein Arbeitsbereich (zeitlich und räumlich) eingerichtet werden.
  • Mit Text und Bildverhältnis experimentieren.
  • Text überarbeiten. Verhältnis von Text und Meta- bzw. Subtext abwägen.
  • Einen Verlag finden und mich am besten vor allen Schritten über diverse Anforderung der Bildbearbeitung erkundigen.
  • Feedback sammeln und Kritik ernst nehmen.
  • Weitere wichtige Dinge, die ich vergessen oder noch garnicht erkannt habe.
"Warte Welt! Hier hast Du einen Drachentöter!" rief der kleine Ritter.
Bleistift und Aquarell auf Papier (ald)

Im Hinblick auf meine (Auto-)Biographiestudien ist die Geschichte des Bilderbuches, sowie die Geschichte der Figuren auch meine eigene. Ein kleiner Ritter, der auszog um unbedingt einen Drachen zu bezwingen, um sich zu beweisen, während die eigentlichen Prüfungen im Leben woanders und garnicht weit entfernt liegen?

Wer kennt das nicht?

Dieses Gefühl etwas Wichtiges verpasst zu haben? Und die Vorwürfe des eigenen schlechten Gewissens (und anderer, die meinen dazu etwas sagen zu müssen.) Ach, hätte ich doch damals die Kraft gehabt, mich der Kritik des Literaturagenten zu stellen, ihm meine Arbeiten zukommen zu lassen! - Ach, hätte ich mich doch erkundigt und wäre nach Bologna gefahren!
Tatsache ist, dass ich die Kraft eben nicht hatte und dieses Scheitern zum Arbeitsprozess und zum Leben dazugehört. Es sind also bald sieben Jahre vergangen, in denen die Welt ganz gut ohne das Bilderbuch ausgekommen ist. "Weil fie nicht weif, waf fie verpaft hat!" spricht mir der kleine Elefant zu.

Mir fällt dabei auf, dass ich heute immernochnicht vor die Haustür getreten bin.

"Stell' Dich!" rufen Ritter und Drache in mein Ohr und jagen einander durchs Zimmer.

(Alexander-Lars Dallmann - ald)

Agnoistrology - Horoskope für Skeptiker

(Klick auf's Bild zur Vergrößerung!)

Agnoistrology ist eine Horoskopseite für Skeptiker. Anstatt die eigene Psyche auf Sternbilder und deren Geschichten oder Tarotkarten zu projizieren und durch Interpretation dem eigenen Gehirn auf die Schliche zu kommen, erhält man hier (täglich?) eine atheistische Botschaft, die im Grunde genauso verwendet wird.
Ein Spiegel der Seele also. Wer hinein blickt schaut sich selbst. Der eine sieht darin seinen eigenen Weg des erfolgreichen Handelns im Beruf, und ich frag' mich, wo denn da der spielerischen Umgang bleibt. Im Übrigen steckt in dem Horoskop die protestantische Arbeitsethik (Max Weber) in atheistischem Gewand. Auch das ist meine Interpretation, die durch ein Studium der Sozialwissenschaften geprägt ist und vielleicht garnichtmal stimmig ist. Oder nur für mich, so wie mit Arthur Dents zweiundvierzig.

Als Vergleich die nicht-atheistische Variante: Eine Tageskarte aus dem Tarot. Auffällig ist das Bildchen mit dem Ritter, das alten Rollenspielern nostalgische Erinnerungen an Schatzsuchen und Abenteuer hervorruft. Das große Goldstück wirkt suggestiv und die bestärkende Botschaft, dass man sich heute nicht um den Finger wickeln lassen wird, insgesamt positiver als die Ankündigung langer harter Arbeit durch das Skeptikerhoroskop.
Es schließt sogar mit der Ankündigung einer lustvollen Erfahrung, wenn man nur einen ungewohnten Schritt wagt. (Z.B. aus der Wohnungstür heraus. Beware! [...] It is a dangerous business going out of your front door [...] J.R.R. Tolkien)

(Klick auf's Bild zur Vergrößerung!)

Wenn ich es mir recht überlege, ist in meinem heutigen Skeptikerhoroskop doch eine wirkliche Botschaft vorhanden, denn der Blog erhält hiermit einen weiteren Artikel, ich ein weiteres Puzzlestück aus meiner Biographiefragmentmanufaktur und manch ein zufälliger Leser etwas für Zwischendurch.

"Denn einen Blog zu pflegen erfordert Fokus, Entschlossenheit, und lange harte Arbeit. Und genau genommen zählen die Stunden, Tage und Nächte, in denen man mit offenem Geist durch Alltag, Weltnetz und eigene Tagträume reist, dazu, denn schließlich will man darüber berichten." (Die künstlerische Arbeitsethik - Ein Fragment, ald)

Das atheistische Horoskop geht also auf! Jetzt fehlt noch der Schritt aus der Haustür...

Sonntag, Juli 25, 2010

350.000 - Die Band im Domizil

350.000: Jonathan Cramer (g), Nico Harbach (dr), Waldemar Klassen (voc, g, keys)
Die Sonne des Konsums im Hintergrund

350.000 und Metaphobic: 24.07.2010 Domizil, Gießen

Bands im Keller

Zwei Metal-Acts aus Hessen, die für gewaltiges Kopfschütteln bis in die letzten Zuschauerreihen, wilde Pogotänze und freie Liebe im Publikum sorgten oder dafür gesorgt hätten, wären sie nur woanders aufgetreten.
Im Domizil ging es ruhig zu. Während drei oder vier Glühbirnen gilbiges Licht und unscharfe Schatten der anwesenden Gestalten an die protestkünstlerisch verzierten Kellerwände des Hauses warfen, warteten Frauen an der Bar und Männer vor der Bühnenecke auf die Beschallung. Eine Ruhe vor dem Sturm, die man für 3 Euro Eintritt erfahren konnte. Draußen ein angenehmer Sommerabend, unten staute sich die Hitze. Meine Cola war nicht kalt, aber mit Zitrone. Andere tranken Dosenbier. Am Eingang neben der Kasse auf dem Tisch noch ein großer Pizzakarton - FastFood für die Bands.

Es ist mein zweiter Besuch im Domizil. Beim ersten Mal lauschte ich dem kultigen Valenta Trio, dessen Bassist Markus Wach auch bei 350.000 für Tiefdruck und instrumentale Bühnenperformance sorgt. Die Musiker bewegen sich insgesamt zwischen jazzigem Schlager und progressivem Metal und verstehen die künstliche Attitüde angesagter Volksmusikmoderatoren metalmäßig zu parodieren, unterhalten damit ihr Publikum und beweisen einmal mehr, dass postmoderne Metalmusiker Humor und Verstand besitzen und beides wesentlich für ihre Musik und Performance sind.


Merkwürdiges

Ein seltsamer Zufall will, dass ich eine Dokumentation über den ollen Alchimisten und Häretiker Isaac Newton sehe, während ich diese Rezension schreibe und die Bilder bearbeite. Mir fällt die gelbe Lidlsonne im Hintergrund der Band auf und ein, dass Waldemar eine Ibanez Universe UV777BK Gitarre spielt. Der ehemalige Zappa-Gitarrist Steve Vai hätte seine Freude an dem verspielten Auftritt gehabt. Altmeister Frank selbst saß während des Gigs angeblich auf dem Klo. Da die insanitären Einrichtungen im Domizil aber im Allgemeinen gemieden werden, konnte die Erscheinung nicht bestätigt werden. Synchromystiker würden den gesamten Zufall interpretieren können, mir verschließt sich noch jede Bedeutung. Aus meiner Anlage tönt Blind Guardians Album A Twist in the Myth. Ich weiß nicht, ob das in den Kontext der Interpretation einbezogen werden müsste. Vorher lief ein Podcast mit Jake Kotze und jedenfalls wird mir bewusst, dass ich an diesem kurzen Beitrag schon mehrere Stunden sitze und dies nun der letzte Satz dazu sein soll.

Markus Wach am sechssaitigen E-Bass,
Waldemar "Die Stimme" Klassen mit der Setlist vor der Nase

Was bleibt?

350.000 ist

  1. eine große Zahl
  2. eine große Band
  3. laut und lustig
Auf ihrer MySpace-Seite sind Stücke der Band zu hören. Wer auf stimmungsvolle handgemachte Live-Musik steht, besucht eines ihrer Konzerte.

Als Vorband überzeugte Metaphobic durch progressiven Metal mit virtuosen Gitarrenparts in fünf Stücken aus ihrem derzeitigen Repertoire. Die Band besteht aus Kai Dietz (dr), Christian Schmidt (bs), Nicolas Stürmer (keys), Stefan Günter (g) und Waldemar Klassen (voc, g), der an diesem Abend also einen Doppelgig spielte und als hünenhafte Inkarnation von Herz und Seele beider Bands den Kontakt zum Publikum herstellte.

Zwar konnte ich kein Video von dem Ereignis drehen, aber man darf sicher sein, Ridley Scott hätte es ohne zu Zögern in dem Netzkunstprojekt Life in a Day ge-featured.

(ald)

Samstag, Juli 24, 2010

YouTube - Life in a Day



Eine weltweite kollaborative Dokumentation soll entstehen. Ein Netzkunstprojekt also. YouTube ruft sämtliche Nutzer auf, mit Kameras, Handys usw. Filme über ihr eigenes Leben zu drehen.
Die Ausschnitte werden gesammelt, gesichtet und nach einem Selektionsprozess zu einem Dokumentarfilm zusammengestellt, der von Ridley Scott (Alien, Blade Runner, Legende, Robin Hood) und Kevin MacDonald auf dem Sundance Film Festival 2011 präsentiert wird.



Es geht um Dein Leben! Carpe Diem! Sei heute dabei!

The RAMSEY/LOIKKANEN PROJECT



Pekka -LoDe- Loikkanen ist ein finnischer Musiker, der neben seinem MySpace-Auftritt und seiner kultigen AC/DC-Coverband VV/TV (Gleichstrom/Wechselstrom) mit finnischen Texten auch ein Duo-Projekt mit dem Rockvokalisten Garey Ramsey spielt.
Die beiden sind mit einem Titel in einem Wettbewerb angetreten und können die Stimmen rockbegeisterter Zuhörer gebrauchen! Also, anhören und Vote! klicken!
Und wenn es nicht für das Halbfinale im Wettbewerb reicht, es lohnt sich in jedem Fall der Klick, um die Musik zu hören.

Pekka Loikkanen spielt mit Vorliebe Fame Gitarren und verdient eigentlich einen Endorsement Deal. Außerdem bestätigt er in diesem selbstgedrehten Video das verbreitete Vorurteil, dass Bier anscheinend helfen könne, besser Gitarre zu spielen.
Tatsächlich verhält es sich wie mit jedem Film: Es ist nur ein Film mit Schauspielern, Drehbuch und billigen Tricks.

Beer can help to play better!!!

Pekka -LoDe- Loikkanen | MySpace Musikvideos

Dienstag, Juli 20, 2010

AutoWrite 36 - sternenlaue sommernacht

Sonntag, Juli 11, 2010

Die Fender '72 Tele Thinline und der EMG 60 Humbucker

Active sound for all your needs.
Und: "The tone comes from the fingers."

Ich erzähle bisweilen von zwei biographischen Fragmenten, die mit Musik, Gitarren und Vorurteilen zu tun haben. Das eine ist meine erste elektrische Gitarre, das zweite sind aktive Gitarrentonabnehmer der amerikanischen Firma EMG.

Solcherlei Erzählungen sind zu einem gewissen Anteil immer Nach- und Umerzählungen beruhen aber im wesentlichen auf derselben oder ähnlichen Auswahl an Details und Fragmenten.
Es folgt also eine kleine autobiographische Erzählung aus dem Leben eines autodidaktischen Gitarrenspielers.
Es begann alles mit einer mysteriösen älteren Dame.

"La Rita"

Hagstrøm "La Rita" - vom Wohnzimmerschrank auf die Wiese.
Eine zwanzig Jahre lange Reise.


Obwohl ich schon jahrelang im Traum Gitarre gespielt hatte, begann ich mit dem Abenteuer Gitarre zu spielen erst relativ spät in einem Alter, bei dem Freunde, Bekannte und spätere Gitarrenlehrer daran zweifelten, dass da noch mehr als schrummelige Liedbegleitung draus werden könnte.
Ich war einundzwanzigeinhalb und zu Weihnachten nahm ich die Konzertgitarre vom Wohnzimmerschrank, auf dem sie zwanzig Jahre lang geruht hatte und durch laute Jazzmusik von Stereoanlage und Livemusik eingeschwungen worden war. Eine Hagstrøm, Model "La Rita". Damit ging es im neuen Jahr zurück zum Studienort und dort ins nächste Musikgeschäft, um sich mit Zubehör zu versorgen: ein Gitarrenbuch von Peter Bursch (weil ohne Noten), Saiten und ein Stimmgerät, mit dem man Akkorde stimmen konnte. Letzteres gab's nicht, wie mir der geduldige Verkäufer mitteilte und verwies auf ein gängiges Stimmgerät für Gitarren. Das nahm ich dann - mit diesem miesen Gefühl, etwas total Bescheuertes gesagt zu haben.

Peter Bursch war mir ein Begriff, da ich in der Grundschulzeit schon einmal versucht hatte, mit einer früheren Auflage - damals noch mit Schallplatte - und derselben Gitarre spielen zu lernen. Das war als meine Klassenkameraden prahlten, wenn sie den H7-Griff konnten. Ich hatte keine Ahnung wovon sie redeten.
Mein Vater brachte mir zwar bei, eine Gitarre nach Gehör und Tom Dooley zu stimmen, weiter führte dieser Unterricht durch den fachfremden Musiker (eigentlich Saxophone und Klarinetten) aber nicht.

Ich verließ den Laden mit zwei Sätzen neuer Saiten, nem Stimmgerät, dem Peter Bursch Buch "Von kinderleicht bis ganz schön stark" mit CD und einem angeschlagenen Selbstwertgefühl. Damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte des autodidaktischen Gitarrenspielers.

Das Ur-Riff

Zuhause angekommen, warf ich die CD in die Anlage, legte Gitarre, Stimmgerät und Buch zurecht und fing irgendwie an, neue Saiten aufzuziehen und wurde zum Knotenkönig.

Währenddessen erzählte Peter Bursch etwas über Gitarren, spielte Blowin' in the Wind und sang dazu the ants are my friends. G-Dur mit dem kleinen Finger lernte ich zuerst. Und später Em und Am. Und dann erfand ich mein erstes Riff. Das ging ungefähr so...
Das Ur-Riff #1.
Und bitte den Blues-Shuffle nicht vergessen!

... und ich spielte es die ganze Nacht. Mehrere Nächte lang. Bis heute. Sollte meine Musik irgendwann mal rezipiert werden, so dürfen Musikwissenschaftler gerne darauf verweisen, dass dieses - ich nenne es mal Ur-Riff - bis heute in manchen Stücken wiederzufinden ist. Ähnlich also wie die einfachen Schrittformen des einst gelernten Laufens in der Bewegung eines Menschen immer zu finden sind.


Und jetzt lernen wir das AHC

Allerdings musste ich bald lernen, dass mich die allgemeine Musiklehre doch sehr verwirrte. In der Grundschule war ich schon darüber gestolpert, dass wir gleich nach dem ABCDEFG im Deutschunterricht ein CDEFGAHC im Blockflötenunterricht eingetrichtert bekommen hatten und ich das in meinem Kopf einfach nicht sinnvoll verknüpfen konnte. Nachdem ich sowieso nach Gehör spielte und mich das Buchstabendurcheinander frustete, brach ich den Blockflötenunterricht ab und fand Noten seit dem doof. Einzig nennenswerter Nebeneffekt dieses schuldidaktischen Versagens war, das ich nun länger schlafen durfte, denn der Blockflötenunterricht lag vor der ersten Stunde. Das ist keineswegs lustig, denn dieses kleine Notentrauma wurde weder in den folgenden Jahren Musikunterricht, den ich in der elften Klasse endgültig abwählte, noch in der kurzen Phase des Gitarrenunterrichts aufgearbeitet. Seitdem versuchte ich alles über's Gehör (Pfeifen, Summen, Singen, einhändiges Melodiespiel auf dem Klavier) zu machen und mied die Notenliteratur, da ich sie nicht lesen konnte und gehemmt war, einen Weg dorthin zu suchen. Meine ersten Kompositionen am Computer mit dem ScreamTracker erfolgten ebenfalls nur nach Gehör.

Erst nach jahrelanger Quälerei mit diverser Standardliteratur an Gitarrenbüchern und Harmonielehren gelang es mir zum einen mit der Grundlagenharmonik (Gesamtausgabe 2000) von Werner Pöhlert, die mir mein Bruder aus seinem Studium der Musikwissenschaft empfahl und mit meinen Eltern schenkte, zum anderen mit dem später aufgenommenen Zweitstudium der Musikpädagogik die Notenangst aufzulösen. (Dank an Herrn Dr. Frei-Hauenschild für seine Seminare zur Allgemeinen Musiklehre, Tonsatz und Analyse!)


Verdurt nochmal!

Moll ist sowieso viel schöner, warum also nicht mit ABCDEFGA anfangen und dieses verwirrende deutsche H erstmal weg lassen! Mir scheint es leichter auf den Sonderfall H zu verweisen, wenn man das ABC schon kann, als umgekehrt erst CDEFGAHC zu lernen.

Zur Vergrößerung aufs Bild klicken!

Das knappe Jahr Gitarreneinzelunterricht, für den ich viel Geld bezahlte, machte mir zumindestens eines deutlich: Ich wollte ausschließlich E-Gitarre spielen. (Wie Ritchie Blackmore, Martin Barre und Mick Box.)
Und: gute Gitarristen sind nicht gleich gute Lehrer und überhaupt ist nicht jeder Lehrer in der Lage jeden Schüler angemessen zu lehren und ihm den Weg zu ermöglichen, sich zu entfalten.
Fairerweise muss ich eingestehen - und das ist ein beständiges Problem zwischen Lehrer und Schüler - dass ich selbst nicht treffend formulieren konnte, was ich eigentlich lernen wollte und wo meine Probleme liegen. Die Musik klang in meinem Kopf, aber ich konnte sie nicht äußern.
Und nach wie vor hinderte mich dieses fiese kleine Notentrauma. (Mittlerweile ist mir auch klar geworden, dass ich nicht gelernt hatte die Noten sequentiell von links nach rechts zu lesen, sondern immer ein Bild vor mir sehe, in dem ich entsprechend mit den Augen hin und herspringe und Noten und Notenlinien ein gegenständliches dreidimensionales Eigenleben vor meinem geistigen Auge entwickeln. Bisweilen erscheinen mir die Noten auch als süße Schaumfruchtgummiknöpfe mit Kokosraspeln, aber ich schweife ab.)

Mit dem croon papillon Projekt ging ich später in eine Richtung, die mir und meinem improvisatorischem Spiel nach Gehör liegt, keiner Notation bedurfte und weit weniger mit Jazz zu tun hat, als einmal beabsichtigt. Doch auch dort ist alles noch Fragment und im Werden. Aus der Verlegenheit meine Musik nicht notieren zu können, spielte ich sie und nahm sie auf. Mittlerweile könnte ich anfangen, die Aufnahmen zu transkribieren.

Übrigens kann ich für das eigene musikalische Schaffen und auch das Lernen mit Instrument und Stimme das Ohrenbuch von Jochen Pöhlert bestens empfehlen, der einen wesentlichen nämlich den auditiven Ansatz des Lernens und Spielens betont.


Die aktiven Tonabnehmer

In der ersten Phase der Beschäftigung mit E-Gitarren war ich von zwei fixen Ideen begeistert. Die eine handelte von elektrischen Gitarren aus Kompositmaterialien, die andere von aktiven Tonabnehmern. Mir schwebte eine irre Verbindung von Science-Fiction würdiger Hi-Tech-Gitarre mit progressiver Spacejazzmusik und nostalgisierendem Sound vor den geistigen Ohren. Gitarren nicht aus Holz schienen mir passend und aktive Tonabnehmer ohne Brummen und Störgeräusche vernünftig.
Das änderte sich rasch mit der Lektüre vintagehypender Gitarrenpropaganda und nach ein paar Ausgaben marketinggesteuerter Gehirnwäsche wollte ich eine weiße Strat wie Jimi (Hendrix) oder eine Les Paul wie Mick Box (Uriah Heep), jedenfalls mit musikalisch klingenden Alnico5-Magneten und gutem Tonholz.

Aktive Tonabnehmer, sagte man, seien unmusikalisch und ihr Sound steril. Beides sagte mir nicht zu und nun wollte ich von den Dingern nichts mehr wissen. Metallica war auch nicht so mein Fall und da reizte mich der Kirk Hammet Pickup (EMG 81) auch nicht.

Lebensbegleitende Geschenke

So umgeschult ging ich nach einigen Monaten Klampferei auf der Konzertgitarre in einen Laden voll mit Gitarren und probierte welche aus, um mein Geburtstagsgeschenk auszusuchen. Es gibt da eine Reihe an Geburtstagsgeschenken, die mich über viele Jahre meines Lebens begleitet haben:
  • Meine Stereo-Anlage zum zehnten Geburtstag. Funktioniert einwandfrei bis heute: Onkyo Receiver, Technics Kassettendeck, Grundig Boxen.
  • Mein Mountain-Bike zum zwölften Geburtstag. Bridgestone mit tiefem Rahmen für kleine Kerle, Chrom-Molybdän-Rahmen und 18-Gang-Schaltung. Hab ich mehr als 16 Jahre lang auf Schul-, Freizeit- und Universitätswegen, Treppen rauf und runter gefahren. Das alles konnte ich freihändig, weil das Rad einfach zu steuern war. Irgendwann war's dann hinüber.
  • Die Regelbücher zu AD&D 2nd Edition auf Englisch. Zum 14. Geburtstag. Siehe Mad-Kyndalanth und das Projekt um Die Hausregeln und das Studium der Anglistik.
  • Meine erste elektrische Gitarre mit Verstärker zum zweiundzwanzigsten Geburstag. Seit einem Jahrzehnt täglich in Verwendung.
  • Die Grundlagenharmonik (2000) von Werner Pöhlert. Zum siebenundzwanzigsten Geburtstag. Tritonusharmonik und Basic Mediantic sind klasse! Ich lerne immer noch dazu.
Danke.


Zurück zum Verkauf

Im Geschäft ließ ich mich zunächst beraten und ich bekam die gängigsten Modelle (Les Paul, SG, Strat und Tele) in die Hand und verschiedene Verstärker gezeigt. Dann ging ich den Verkäufern ein paar Stunden lang mit meinen fünf Akkorden auf den Keks. Die Les Paul Studio war mir zu schwer und ich mochte irgendwas daran nicht (z.B. die Farbe), die Standard Tele in blau oder rot sagte mir auch nicht zu, die Strat in schwarz fühlte sich zu scharfkantig an und ich mochte diese schiefen Polepieces der Single-Coils nicht. Die SG war irgendwie schick, fühlte sich aber etwas zu schmal an.
Also wanderte ich durch den Laden, zeigte auf Gitarren und fragte den Verkäufer dazu aus. Zu Gitarren mit Floyd Rose Tremolos, zu Gitarren von Ibanez, Gibson, Fender und Parker.


So sieht sie also aus: ohne Stegtonabnehmer, ohne Schalter,
dafür mit nem erstklassigen Tonabnehmer am Hals
und Potiknöpfe für cremige Lautstärke und dunkelgrünen Ton.

Die Telecaster

Ich erblickte diese Telecaster mit Schalloch, zwei großen silbrigen Tonabnehmern und dem perl-weißen Zelluloid Schlagbrett. Die sah mir danach aus, irgendwas mit meiner Musik zu tun zu haben und mit mir.

Meine Fender CIJ '72 Telecaster Thinline
und der olle Knopf meiner Lederjacke als Plektrum

Es handelte sich um eine Fender CIJ (Crafted in Japan) '72 Telecaster Thinline. Das wusste ich damals nicht. Mich interessierte der Resonanzkörper, ich mochte das Schlagbrett und die Ausstrahlung der Gitarre. Sie sagte etwas von Jazz und Freundlichkeit. Ich ließ sie mir geben und suchte danach nur noch nach einem Verstärker. Marshall, Laney, Fender und Hughes&Kettner Tube 50 habe ich getestet und blieb bei letzterem hängen.

Die Telecaster gilt für viele als der geheime Star der E-Gitarren, nicht nur weil sie das erste Serienmodell der Solid-Body Gitarren war, sondern weil es viele Gitarristen gab, die mit ihren Telecastergitarren den Sound bekannter Bands prägten. Sie steht für Authentizität, Rockmusik, Blues und "unbekannte" Gitarrenhelden wie Roy Buchanan. Auch das wusste ich damals noch nicht.

Der Verkäufer gab schließlich auch zu, dass seine erste E-Gitarre ne Tele gewesen sei und bestätigte mich zusätzlich in der Kaufentscheidung. Guter Trick.
Zusammen mit dem Hughes&Kettner Tube 50 besaß ich also ein komplettes hochwertiges Instrument, das mich seit Jahren begleitet und für hoffentlich Jahrzehnte begleiten soll.


Doch noch aktiv werden

Nachdem ich meine selbstgebastelte Drachenstrat mit aktiven EMG-Tonabnehmern ausgestattet hatte und seit dem hellauf begeistert von Sound, Ansprache, Definition und Aussehen bin, wollte ich versuchsweise einen EMG Humbucker in die Halsposition der Tele setzen. Ich entschied mich für den EMG 60, der mir aufgrund der Beschreibung, technischen Daten und diverser Audiobeispiele am ehesten zusagte.

Die Drachenstrat - Korinakorpus, EMGs
und eigene Illustration mit Figuren eines geplanten Bilderbuches

Problematisch war in erster Linie das Format der vorhandenen Fender Wide-Range Humbucker, die insgesamt größer sind als Standardhumbucker. Die Optionen beschränkten sich auf teures Pickguard bestellen oder anfertigen lassen, Rohmaterial kaufen und selber zurechtsägen oder irgendwie behelfsmäßig herumbasteln. Ich entschied mich für die Bastelei. Zunächst wollte ich einen vorhandenen Humbuckerrahmen auf das Pickguard setzen, leider passte auch das nicht ohne Probleme, weshalb ich kurzentschlossen zu einem gelben Kunststoffspachtel aus dem Baumarkt griff und den mit 'nem Teppichmesser zurechtschnitt. Das Ding montierte ich mit Kabelbindern in die vorhanden Löcher am Pickguard und setzte dann den neuen Tonabnehmer ein. Das Ganze sah so aus, wie es sich anhört. Überzeugen tat mich dagegen Sound und Ansprache der Gitarre. Das war ein ganz neues Spielgefühl, ein anderer Umgang mit der Gitarre und überhaupt total toll.
Kurz bevor ich die Gitarre an Jonny verlieh, baute ich das Teil wieder aus und die alten rein.

Seitdem wartete der 60er mal im Regal, mal in einer Kiste und wurmte mich ständig mit seinem "Komm schon, such mir ne Gitarre und bau mich ein! Du hast doch noch die Muse [meine selbstgebaute Tele, Anm. d. Verf.], vergrößere die Fräsung und bau mich ein!" Er ging mir tierisch auf den Keks.

Als ich die Gitarre dann zurück erhielt, packte mich gelegentlich und relativ ungelegen während diverser Lern- und Arbeitsphasen, dieser verrückte Gedanke, das Teil doch noch in die Tele Thinline einzubauen, nur eben mal richtig. Die Suche ging wieder los nach Pickguards, geeignetem Pickguardmaterial usw. Sie endete immer mit: "Das ist mir zu teuer - 50 Euro für ein Stück Plastik!", "Mir geht das Gebastel auf die Nerven!", "Ich hab keine Werkstatt!" usf.


Jetzt hat sie den Tonabnehmer am Hals

Wie dem auch sei, plagte mich das Dilemma eine ganze Weile, bis ich gefrustet in einem Anfall von spontaner Bastellust einen kühnen Plan schmiedete.
  1. Spachtel suchen.
  2. Schrauben kaufen.
  3. Tonabnehmer raus.
  4. Spachtel zurechtschneiden und EMG 60 montieren.
  5. Gitarre anschließen und wieder gut damit fühlen.
Eigentlich sah der Plan anders aus, denn ich hatte zunächst vor, einen vorhandenen Humbuckerrahmen auf das Pickguard zu setzen. Mir fiel dann aber auf, dass das nicht klappte und ich das schon einmal versucht hatte, weswegen ich beim ersten Fehlversuch schon zum Spachtel griff.
Den Spachtel sägte ich mit der Laubsäge zurecht, schliff die Kanten mit Schleifpapier ab und schnitt die Öffnung für den Tonabnehmer mit dem Teppichmesser ein. Löcher für die Schrauben bohrte ich mit der kleinen Bohrmaschine und dann musste nur noch der EMG 60 eingepasst werden.
Das Stückchen Gaffertape hatte ich mir als Andenken für den kleinen Auftritt am Sturm und Klang Festival 2010 mitgenommen und auf den Amp geklebt, brauchte aber jetzt etwas, um die scharfkantige Stellschraube des Tonabnehmer zu bedecken und klebte es drüber. Pragmatisch und etwas punkig. Aber zuerst pragmatisch.

Kosten:
  1. 4 Schrauben (80 Cent)
  2. blauer Spachtel (noch vorhanden)
  3. Gaffertape (vorhanden)
Also 80 Cent für eine bessere Gitarre und punkigen Look. Und andere zahlen 3000 Euro für eine Gitarre, die so aussieht, als sei sie schon mal benutzt worden. Tsk.

3 Schrauben mit Sicherheitsmuttern,
ein Spachtel aus dem Baumarkt (man beachte die Zähne)
und Gaffertape für den punkigen Look


Vorurteile

Die gängigen Vorurteile gegen aktive Tonabnehmer sind folgende:
  1. Der Sound ist steril.
  2. Alle Gitarren mit aktiven Tonabnehmern klingen gleich (schlecht).
  3. Aktive Tonabnehmer sind nur gut für Metal, weil da ist der Sound eh egal.
  4. Aktive Tonabnehmer sind undynamisch und unmusikalisch.
  5. Sie sind teuer.
  6. Die Batterien gehen schnell leer, z.B. wenn man gerade ein Solo auf der Bühne spielt.
Wie man sich denken kann, sind diese wie auch andere Vorurteile blöd und beruhen auf falschen Beobachtungen und Unkenntnis. Allerdings erleichtern sie das Geschäft diverser Hersteller passiver Tonabnehmer.


Vorteile

Die gängigen Vorteile aktiver Tonabnehmer sind folgende:
  1. Es sind Tonabnehmer, die die vom Spieler beeinflusste Saitenschwingung wandeln. Sie haben weder mit einem musikalischen Genre noch mit Musikalität zu tun. Das entscheidet der Spieler!
  2. Sie sind dynamischer als passiver Tonabnehmer.
  3. Es gibt kein Netzbrummen und keinen Einfluss von Störgeräuschen.
  4. Die Saitenerdung ist überflüssig und der Gitarrist so vor einem Stromschlagrisiko geschützt!
  5. Kein Soundverlust (Höhenverlust) durch lange oder schlechte Instrumentenkabel.
  6. Die Batterie (9V Block) hält etwa ein Jahr lang und ist schnell gewechselt. Vor Auftritten sind Instrumente sowieso zu testen, deshalb gilt das "Batterie im Solo leer"-Argument nicht. Manchen solierenden Gitarristen wäre es aber mal um des Publikums willen zu wünschen.
  7. Das EMG Quick-Connect System ermöglicht komfortabel einfachen Einbau ohne Lötorgien. Ein Wechsel der aktiven Tonabnehmer ist ebenfalls leicht möglich.
  8. Sie sind mittlerweile nicht teurer als passiver Standardtonabnehmer und keineswegs teurer als bei Vollmond gewickelte, künstliche gealterte, marketinggehypte Vintage-Tonabnehmer diverser Anbieter.
  9. Sie sind wartungsfrei, robust und langlebig.
Wie man sich denken kann, gibt es unzählige Nutzer passive Tonabnehmer, die mit allen Macken und allem Brummen ihrer passiven Tonabnehmer bestens vertraut sind und nichts davon missen wollen. Das ist fein so und außerdem freut es die Hersteller passiver Tonabnehmer.


Was man beim Einbau aktiver Tonabnehmer beachten sollte

Das Instrument (Die Ganzheit von Gitarre, Tonabnehmern, Verstärker und Effekten) wird mit der veränderten Komponente verändert. Eine erneute angepasste Einstellung der Komponenten (Effekte, Verstärker) wird daher nötig. In der Regel liefert die Gitarre mit aktiven Tonabnehmern bei sonst unveränderten (!) Einstellungen zu viele Höhen, was manche zu der Annahme verleitet, sie klingten hi-fi und steril (höhenbetont). Zudem kann der vergrößerte Dynamikbereich aktiver Tonabnahme ein ungewohntes Spielgefühl durch die definiertere Ansprache liefern. Daher soll man sich Zeit lassen, die Gitarre und das gesamte Setup in Ruhe neu einzustellen und sich damit im Spiel vertraut zu machen. Wer das nicht macht, begeht einen groben Fehler.

Wer damit offen experimentiert entdeckt mit den aktiven Tonabnehmern möglicherweise wesentliche Vorteile, die für das eigene Spiel und die Musik vorteilhaft sind. Andere, die mit passiver Schaltung bestens zurecht kommen, bleiben dabei. Ganz einfach. Wer passive Tonabnehmer mag, dem empfehle ich Harry Häussels Tonabnehmer mit der MastertoneLC Schaltung von Peter Coura! Am besten mal nach Frankfurt fahren und die Coura Gitarren ganz in Ruhe spielen.
Wer innovative Gitarrenkonzepte aus Meisterhand mag, dem empfehle ich die finnischen Flaxwood Gitarren. Mein Lieblingsmodell ist die Flaxwood Äijä mit haptisch überzeugender Sandstrahloberfläche und EMG 81/85 Set. Dort treffen sich meine beiden fixen Ideen von Gitarren aus Kompositmaterial (Holz-Harz-Gemisch) und aktiven Tonabnehmern.


Zu meinem Equipment

Ich spiele meine Gitarren (Tele Thinline - EMG 60, Drachenstrat - EMG Sa-Set, The Muse - Rockinger Blade Screamer) mit einem Hughes&Kettner Tube 50, einem Marshall ED-1 Compressor und einem BOSS DS-1 Verzerrer. Selten kommt ein BOSS CH-1 Super Chorus und ein Morley Pro Series 2 Wah hinzu. Das noch seltener verwendete Yamaha DG-Stomp (Modeller) klingt wesentlich besser mit den aktiven Tonabnehmern.
Die croon papillon Aufnahmen entstehen entweder direkt eingespielt (Steinberg MI4 Audio Interface) oder über die Amp-interne DI-BOX (H&K RedBox). Die Abnahme der Akustikgitarre (La Rita und eine Framus Folk Gitarre vom Flohmarkt) erfolgt über ein Audio Technica AT-2020 Kondensatormikrofon. Die Bearbeitung erfolgt mit Cubase SL 3.

sing. dance. move.
Mach Deine eigene Musik.
Es ist nicht zu spät, damit zu beginnen.

Die Geschichte wird zu geeigneter Zeit an geeignetem Ort weitererzählt. Mit bestem Dank soweit an La Rita und alle sonstigen (musikalischen) Begleiter auf dem bisherigen Weg.

Samstag, Juli 03, 2010

The Day I jumped over all my Fears

"On the day I jumped over all my fears,
I skipped the fun parts." (ald)
Graphitstift auf Tapetenrückseite - 01.07.2010


Einladung zur Malnacht

Nachtaktiv durch den Sommer. Während die einen auf Parties tanzen, schaffen andere Kunst.

Einer spontanen Einladung zur Malnacht folgend, hatte ich mir ein paar Stifte geschnappt und bin in die Atelierräume in der Ludwigstraße gelaufen, um mich dort mit einer Künstlerin zu treffen.

Ich fertigte eine kleine Arbeit zum Thema Angstbewältigung an. Text und Illustration in der Art der Zeichnungen, die ich in der letzten Zeit durchgeführt hatte. Kürzlich griff ich nach Axel von Criegerns Buch "Vom Text zum Bild - Wege ästhetischer Bildung" und daraufhin zum Zeichenstift, um wieder bewusst zu zeichnen. Als Folge waren die vorangegangenen kleinen Arbeiten entstanden.

Nach der Zeichnung fand ich mich beobachtet und verharrte in den Gedanken zur Zeichnung und wie es dazu kam. Den Textanfang "On the Day I jumped over all my fears" sprach ich spontan im Geiste und verwendete ihn, trotzdem ich etwas Lustiges versuchen wollte. Sobald die Selbstfigur gezeichnet und von Buchstaben umstellt war, vollendete ich den Satz mit dem zweiten Teil, wusste mich aber noch nicht zu entscheiden, ob nicht ein too oder as well an den Schluss gehörte. Ich ließ beides aus, da mir der Text so ausdrücklicher schien.

Also wurde ich portraitiert. Und ich wüsste nicht, wie noch jemand meine Stimmung und innerliches Befinden trefflicher auf die Leinwand bringen sollte, als es die Künstlerin Lu Bouten tat. Als ich es betrachtete, fühlte ich mich betroffen von der Schwere wie mein mir bekanntes Innere dem gemalten Äußeren glich.

Wie lassen sich Text und Illustration interpretieren?

Am dem Tag, als ich über all meine Ängste hinwegsprang,
verpasste ich die spaßigen Teile.


Vielleicht sollte es in der Übersetzung spaßige Zeiten heißen. Jedenfalls fällt mir ein innerer Konflikt auf zwischen dem befreienden Sprung über alle Ängste hinweg und dem Verpassen der spaßigen Zeiten. Hängen denn beide zusammen? Eine Angst mit einer spaßigen Zeit? So dass jene genauso übersprungen werden, hebt man über alle Ängste ab?
Irgendwie egal, da ich keinesfalls über all meine Ängste hinweggesprungen bin und also nach der Bewältigung der einen oder anderen jeweils eine spaßige Zeit erlebte. Bei Achterbahnfahrten im Europapark beispielsweise oder beim Sturm und Klang Festival und dem Durchtanzen der Nacht und beim Schwimmen im See ohne Angst vor dem Unbekannten in der Tiefe.

Unter den Atelierräumen wummerte eine Party und draußen hing ein Mond in der Nacht und schien sich um alles mit gespielter Unbeteiligtkeit nicht zu kümmern.

sing. dance. move.


Herzlichen Dank für die Einladung und den Einblick auf mein Äußeres!

Portrait (Lu Bouten)
Acryl auf Leinwand - 01.07.2010